Peer: Psychologische Erste Hilfe aus den eigenen Reihen

Bei einem tragischen Verkehrsunfall wird eine Person von einem Lastwagen überfahren und verstirbt noch auf dem Unfallplatz. Auch den im Einsatz stehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kantonspolizei Basel-Stadt zeigen sich Bilder, die nicht leicht wegzustecken sind. Noch vor Ort übernehmen deshalb speziell ausgebildete Polizistinnen und Polizisten die notfallpsychologische Erstbetreuung der Einsatzkräfte: die Peers. Sie sind Teil der Peer-Organisation, die in diesen Tagen neu ausgerichtet und dem Stand der Entwicklung angepasst wird.

Peers – oder: Speziell ausgebildete Polizistinnen und Polizisten helfen Kolleginnen und Kollegen, die einen potentiell belastenden Einsatz leisten (Symbolbild).

Noch bis weit gegen Ende des letzten Jahrhunderts galt es durchaus als verpönt, wenn Angestellte von Blaulichtorganisationen im Nachgang zu Einsätzen Mühe bekundeten, die oftmals scheusslichen Bilder und belastenden Gefühle ohne fremde Hilfe zu verarbeiten. Gerade in der Polizei war die Haltung weit verbreitet, dass ein richtiger Polizist und eine richtige Polizistin mit solchen Erfahrungen halt den Umgang finden muss – und sonst den falschen Beruf gewählt hat. Zunehmend setzte sich in den letzten Jahren glücklicherweise die Erkenntnis durch, dass auch Einsatzkräfte «nur» Menschen sind, und dass auch «harte Männer mit Schnäuzen» nicht davor gefeit sind, durch traumatisierende Bilder und Erlebnisse nachhaltigen psychischen Schaden zu erleiden (mehr dazu unten unter: «Psychotraumatologie kurz erklärt»).

Die Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 waren für die Peer-Organisationen insofern richtungsweisend, als sich aufgrund der Erfahrungen vor Ort die Erkenntnis durchsetzte, dass Einsatzkräfte von Blaulichtorganisationen im Bedarfsfall eher Hilfe bei ihresgleichen suchen und sich in einem ersten Schritt eher selten an Notfallpsychologinnen und -psychologen oder Psychiaterinnen und Psychiater wenden. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, Frontmitarbeitende aus Polizei, Feuerwehr und Sanität in Psychologischer Erster Hilfe auszubilden und die organisatorischen Strukturen auf einen ersten Angriff durch diese internen Spezialist/innen auszurichten. So sind Peers denn auch speziell ausgebildete Einsatzkräfte, die die Erstbetreuung von Kolleginnen und Kollegen nach belastenden Ereignissen beherrschen, die Nachbetreuung anbieten können und gleichzeitig fachlich ausreichend gut erkennen, wann der Schweregrad der psychischen Belastung den Beizug von Fachpsychologinnen und -psychologen erfordert.

Und in Basel-Stadt?

Um die Jahrhundertwende war der damalige Leiter der Kantonalen Krisenorganisation (KKO) Basel-Stadt, der im Sinne einer Pionierleistung für die Betreuung der Einsatzkräfte in ausserordentlichen Lagen eine «Hilfe für Helfer» organisierte: Die Peer-Organisation in Basel-Stadt war geboren. Unter Federführung der KKO wurde die Koordination der psychologischen Ersten Hilfe folgerichtig nicht nur für die Kantonspolizei, sondern auch für regionale Partnerorganisationen wie die Berufsfeuerwehr, die Sanität oder das Grenzwachtkorps angeboten. Erst 2008 wurde die organisatorische Gesamtverantwortung des Peer-Wesens der Kantonspolizei dem Psychologischen Dienst übertragen.

Aufgrund intensiver Forschungstätigkeit und zunehmender Erfahrungen mit Peer-Einsätzen in ausserordentlichen Grosslagen und Alltagssituationen hat sich in den letzten Jahren die Notwendigkeit gezeigt, auch das Peer-Wesen der Kantonspolizei einem Jungbrunnen zu unterziehen und den Bestand an aktiven Peers zu erhöhen. Viele unserer Peers sind noch Pioniere der ersten Stunde. Es ist den aktuell elf verbliebenen Milizfunktionärinnen und -funktionären hoch anzurechnen, mit welchem Idealismus und mit welcher Einsatzbereitschaft sie in den vergangenen Jahren, teils fachlich und organisatorisch nur marginal unterstützt, die Psychologische Erste Hilfe des Korps aufrechterhalten haben.

In den vergangenen Monaten hat sich der Psychologische Dienst der Kantonspolizei deshalb intensiv mit einer konzeptionellen Neufassung der Peer-Organisation auseinandergesetzt. Deren Fachleute in der Notfallpsychologie haben sich inhaltlich und konzeptionell mit einer Reorganisation des Peer-Wesens der Kantonspolizei beschäftigt. Nach eingehender Prüfung und interner Diskussion hat die Polizeileitung an ihrer Sitzung vom 3. November 2020 das Konzept Peer 2021 genehmigt und dem Psychologischen Dienst den Auftrag erteilt, die Reorganisation mit allen zugehörigen Aufgaben sowie die inhaltliche Gesamtverantwortung zu übernehmen.

Bewährtes behalten – Notwendiges erneuern

In erster Linie geht es nun darum sicherzustellen, dass die umfangreichen und bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Psychotraumatologie sowie zur Erstbetreuung von Einsatzkräften in die Peer-Organisation eingebaut und als Handlungsmaxime sichergestellt werden. Dies bedeutet gleichzeitig, dass neuste Erkenntnisse laufend fachlich gesichtet werden und wo nötig in die Einsatzdoktrin unseres Peer-Wesens einfliessen; diese Aufgabe obliegt selbstverständlich den Fachspezialistinnen und -spezialisten des Psychologischen Dienstes. Sie übernehmen auch die organisatorische und fachliche Gesamtverantwortung für die Psychologische Erste Hilfe der Angestellten der Kantonspolizei. Strukturell und organisatorisch gilt es, Bewährtes möglichst beizubehalten und dort, wo Neuerungen nötig sind, diese konsequent und zeitnah umzusetzen.

Ein erster Schritt der Reorganisation war für die Mitarbeitenden der Kantonspolizei bereits wahrnehmbar: Mittels einer Rekrutierungskampagne soll der Bestand der Peer-Organisation im Idealfall auf 25 bis 30 Milizfunktions-Trägerinnen und -Träger aufgestockt werden. Dabei steht die fachliche Eignung neuer Kolleginnen und Kollegen aufgrund der verantwortungsvollen Aufgabe sicher im Vordergrund. Es ist ein Glücksfall für die Kantonspolizei, dass sich die noch bestehenden elf Peers bereit erklärt haben, weiterhin ihre Aufgabe wahrzunehmen. So kann auf die langjährige Erfahrung dieser Kolleginnen und Kollegen zurückgegriffen werden; diese können bei der Einarbeitung der Peers auch eine «Götti-/Gotten-Rolle» einnehmen. Bereits im Frühjahr werden dann alle Peers, das heisst sowohl die neu Rekrutierten als auch die erfahrenen Peers, in einer Schulungskampagne durch einen professionellen externen Anbieter auf den neusten Stand des Peer-Wissens gebracht und in der Anwendung dieses Wissens im Ernstfall geschult.

Bald schon wird die neue Peer-Organisation auch für die Front-Mitarbeitenden direkt spürbar werden. Jeweils zwei Peers werden in einer Wochenverantwortung einerseits als Erst-Angriffseinheit im Bedarfsfall fungieren. Überdies werden diese – gemäss Peer-Dienstplan mit der Wochenverantwortung betrauten – Peers das Einsatz-Journal auf potenziell belastende Einsätze hin überprüfen und im Bedarfsfall betroffene Kolleginnen und Kollegen direkt Unterstützung anbieten. Nach wie vor beruht die Inanspruchnahme der Gesprächsangebote auf strikter Freiwilligkeit. Und ebenso unterstehen die Peers der fachlichen Schweigepflicht: Was einem Peer anvertraut wird, muss auch bei diesem verbleiben. Nur so kann das nötige Vertrauen zwischen den Angestellten und den Helfern sichergestellt werden.

Voraussichtlich um die Jahresmitte werden alle Aspekte der Reorganisation des Peer-Wesens umgesetzt sein. Ab diesem Zeitpunkt wird die Kantonspolizei einerseits über ein professionelles Alarmierungskonzept für die Peers verfügen, das heisst sowohl die Einsatzzentrale als auch die Einsatzleiterinnen und -leiter werden dann rasch und zeitnah auf Psychologische Erste Hilfe während laufenden Einsatz zurückgreifen können. Zudem werden die Angehörigen der Peer-Organisation intern bekannt gemacht. Alle Angestellten der Kantonspolizei verfügen dann bei Gesprächsbedarf nach einem belastenden Ereignis über eine Auswahl von Miliz-Spezialistinnen und -spezialisten, die niederschwellig und vertraulich kontaktiert werden können und bei denen Hilfe in der Verarbeitung von potenziell traumatisierenden Einsätzen gefunden werden kann.

Psychotraumatologie kurz erklärt

Erleben Menschen direkt Todesfälle oder potenziell lebensbedrohliche Situationen, können diese Erfahrungen massive Gefühle von Angst und Hilflosigkeit auslösen. Aufgrund unseres Einfühlungsvermögens können solche Belastungen auch dann eintreten, wenn wir nur indirekt, das heisst über den Kontakt mit Menschen, die solchen Bedrohungen ausgesetzt waren, mit Tod und Lebensbedrohung in Verbindung kommen. Meist klingen diese intensiv erlebten Symptome wie ein ständiges Wiederdurchleben der Situation, Vermeidungsverhalten von Orten und Situationen, die mit der Belastung verbunden sind, ständige gedankliche Auseinandersetzung mit den Erlebnissen, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit und ähnliches innert Tagen wieder ab. Es besteht allerdings das Risiko, dass sich solche Symptome verfestigen und daraus eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht. In diesem Fall handelt es sich um eine ernsthafte psychiatrische Erkrankung, die dringend behandlungsbedürftig ist und von Fachpersonen untersucht und therapiert werden muss. Durch frühzeitige Gespräche über die Erlebnisse und damit zusammenhängenden Bilder kann der Entwicklung eines PTBS wirksam entgegengewirkt werden. Genau dies ist die Aufgabe der Peers der Kantonspolizei Basel-Stadt.